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23.10.2020, 16:40 Uhr
„Mit sechs Monaten Dienstpflicht für das Leben lernen“
Gastkommentar von Erwin Rüddel, MdB in der Tageszeitung DIE WELT
Berlin. – Der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Parlaments hat in der Tageszeitung DIE WELT einen Gastkommentar veröffentlicht, in dem er für eine soziale Dienstpflicht plädiert. Sie könnte nach Rüddels Worten vielen jungen Menschen eine Orientierung geben und unseren Krankenhäusern und Heimen helfen.
Hier der Artikel von Erwin Rüddel im Wortlaut:
Mit sechs Monaten Dienstpflicht anderen helfen und für das Leben lernen

Von Erwin Rüddel

800.000 junge Menschen verlassen jedes Jahr die Schulen – und oft wissen sie nicht, was sie im Leben wollen. Eine soziale Dienstpflicht würde ihnen Orientierung geben. Und Krankenhäusern und Heimen wäre auch geholfen, meint unser Gastautor.

Derzeit fehlen uns im Gesundheits- und Pflegewesen über 100.000 Pflegekräfte. Das ist gerade für die Politik, aber auch für eine älter werdende Gesellschaft eine besondere Herausforderung. Die Wichtigkeit des Pflegeberufs ist unumstritten. Ein attraktiver Zugang dazu muss erlebbar sein und Chancen müssen genutzt werden, junge Menschen mit einem bislang vielleicht unbekannten Berufsfeld in Berührung zu bringen. Junge Menschen könnten bei einer sechsmonatigen Dienstpflicht erleben, wie eine gute Arbeitsatmosphäre und Umgebung eine stärkende Wirkung auf das eigene Wohlbefinden und die eigene Lebenseinstellung haben.

Als Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit im Deutschen Bundestag ist es mir ein Anliegen zu betonen, dass wir keiner „Karriere“ im Weg stehen, sondern vielmehr Perspektiven für Karrieren schaffen wollen, die auf gesellschaftlichen Werten basieren.

Wir hatten in Deutschland im vergangenen Jahr über 800.000 Schulabsolventinnen und -absolventen. Bezugnehmend auf diese Zahlen bedeutet das, dass wir in zehn Jahren rund acht Millionen junge Menschen erreichen könnten. Gleichzeitig haben im vergangenen Jahr 32 Prozent der Hochschulstudierenden ihr Studium abgebrochen oder verändert, bei den Auszubildenden waren es 25 Prozent. Daraus resultieren bei den Betroffenen oft Enttäuschung, Frust oder Sorgen, verbunden mit gesellschaftlichen und persönlichen Kosten. Durch einen vorherigen orientierenden „Zivildienst“ wären diese Folgen deutlich zu reduzieren.

Eine Orientierung in der Praxis kann auch die Basis dafür sein, dass ein Scheitern vermieden wird und das Leben deutlich zufriedenstellender verläuft. Welche Stärken und Schwächen habe ich? Wo kann ich meine Fähigkeiten am besten einbringen?

In einer immer älter werdenden Gesellschaft mit Lebenserwartungen von Neugeborenen in Richtung 90 Jahre und großem medizinischem Fortschritt wird ein sozialer Dienst an der Gesellschaft immer wichtiger.

Aus diesem Grund möchte ich nachdrücklich befürworten, in Deutschland wieder eine Dienstpflicht im sozialen oder gesellschaftlichen Bereich gegen eine angemessene finanzielle Anerkennung für junge Menschen einzuführen. Eine möglichst konsequent gelebte Dienstpflicht ist auch eine Frage der Gerechtigkeit.

„Für das Leben lernen“

Jeder berufliche Werdegang profitiert enorm von sozialen und zwischenmenschlichen Fertigkeiten. Je früher diese erlernt werden, desto nachhaltiger geben sie Kompass und Richtmaß, stärken sie die mentale Gesundheit und das Empfinden für soziale Verantwortung.

Vor oder während der Findungsphase eröffnen sich neue Perspektiven: „Für das Leben lernen“ bekommt bei einer sechsmonatigen Dienstpflicht in sozialen Einrichtungen eine besondere Bedeutung. Diese Zeit führt auch zu einem stärkeren Verständnis und einer größeren Akzeptanz für unterschiedlichste Berufe und Lebensentwürfe in unserem Land.

Durch die derzeitige Corona-Pandemie erfahren Achtsamkeit und Zusammenhalt in der Gesellschaft eine neue Renaissance. Wir stehen vor der großen Chance, diesen Werten eine neue Dynamik zu geben, indem für viele erlebbar wird, dass der Staat für seine Bürgerinnen und Bürger da ist und diese sich für ihre Mitmenschen und den Staat engagieren.

Eine gesellschaftliche, soziale Dienstpflicht stärkt das Bewusstsein für Werte, die mir persönlich sehr wichtig sind. Arbeit muss Ausdruck der Personalität und der Würde des Menschen sein. Das gibt jungen Menschen Orientierung, ebenso wie gelebte und erlebte Solidarität. Für mich ist eine Gesellschaft erstrebenswert, in der freie und mündige Bürger zusammenhalten und füreinander einstehen: die Jungen für die Alten, die Alten für die Jungen, die Starken für die Schwachen und die Schwachen für die Starken. Diese Subsidiarität erfordert aber eigenverantwortliches Handeln in größtmöglicher Selbstbestimmung. Die Dienstpflicht nach der Schulphase kann somit als große Chance für die Persönlichkeitsprägung und den Zusammenhalt der Gesellschaft gesehen werden.

Wie stark die Abhängigkeit von funktionierenden Systemen ist, zeigt das Beispiel der Kindergärten und Kindertagesstätten in der jetzigen Situation. Erzieherinnen und Erzieher sowie berufstätige Eltern stehen vor privaten und beruflichen Ausnahmesituationen, die mit personeller Unterstützung besser zu meistern wären. Viele Betreuungseinrichtungen für Kinder hätten auf diese Weise sicherlich auch flexiblere Angebote machen können.

Das Beispiel unterstreicht die Relevanz ausreichenden Personals und die Wertschöpfung, die dank sozialer Berufe überhaupt erst ermöglicht wird.

Unsere Kinder und Enkelkinder sind die Zukunft unseres Landes

Die Verantwortung für diese Zukunft trägt nicht zuletzt die Politik. Sie ist gefordert, konstruktiv, verantwortungsvoll und mit Weitsicht den absehbaren Herausforderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte gerecht zu werden. Aktuelle politische Entscheidungen müssen die daraus resultierenden Konsequenzen im Blick haben, denn sie formen unsere gesellschaftliche Zukunft.

Es wird wahrscheinlich Kritiker geben, die betonen, dass man junge Menschen nach der Schulzeit nicht auch noch zu einem Dienst verpflichten könne. Doch gerade diesen jungen Menschen gegenüber haben wir eine Verantwortung, Leistungsdruck und Belastungen zu reduzieren, Mut zu machen und ein Verständnis für die Notwendigkeit gesellschaftsrelevanter Arbeit zu schaffen. Tugenden wie Bescheidenheit, Achtsamkeit und Mitgefühl werden uns nicht in die Wiege gelegt. Zum einen ist es das Verdienst der Eltern, der Erzieherinnen und Erzieher sowie der Lehrerinnen und Lehrer, zum anderen das Verdienst der Gesellschaft, wenn diese Tugenden zum Tragen kommen.

Der Einzelne profitiert von der Solidarität

Deutschland ist ein Sozialstaat, der von der Solidarität jedes Einzelnen abhängig ist. Von dieser Solidarität profitiert umgekehrt auch der Einzelne, sollten er oder sie einmal darauf angewiesen sein. Der Sozialstaat beruht auf individueller Solidarität – mit der Aussicht darauf, in Zukunft einmal selbst Unterstützung zu erhalten und umfassend abgesichert zu sein.


www.welt.de/debatte/kommentare/article218363066/Gesellschaft-Mit-sechs-Monaten-Dienstpflicht-fuer-das-Leben-lernen.html

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